Bad Arolser-Advent-Waldmarathon

Sa., 30. November 2002

Um einen 230-Kilometer Lauf in der Wüste zu schaffen, muss man im Training bleiben und die Wochenumfänge auf 80 bis 100 Kilometer erhöhen. Nach dem Schäbisch Alb Marathon dieses Jahr Mitte Oktober hab ich mich ein wenig gehen lassen und bin vier Wochen lang nur wenig gelaufen (14 .. 50 km pro Woche), was sich sofort negativ auswirkte - ich konnte kaum mehr 20 Kilometer laufen, ohne dass ich während des Laufes schon deutliche Schwächen spürte und am nächsten Tag Muskelkater hatte. Wenn ich also nicht im Training blieb, bzw. das noch steigerte, wie sollte ich dann kommenden April die 230 Kilometer in der Wüste in sechs Etappen schaffen - völlig unmöglich. Wie geplant nahm ich also mein Training wieder auf und das sah für dieses Jahr noch zwei langsame Marathons vor, der Advent-Marathon in Bad Arolsen (40 km nord-östlich von Kassel) Ende November und der Siebengebirge Marathon bei Bonn eine Woche später.

Ein Trainingslauf bei Kassel

Gegen 6 Uhr fuhr ich los und war dann wider Erwarten bereits kurz nach 9 Uhr im Startbereich in der Halle und konnte meine Unterlagen abholen. Es war noch genügend Zeit, bis zum Start um 11 Uhr. Da mein Frühstück (Müsli) schon drei Stunden zurück lag, aß ich noch zwei belegte Brötchen und fühlte mich dann einigermaßen fit für den Lauf. Helene, Jens und Bernhard waren auch schon da und zumindest Helene hatte sich für den Lauf gut vorbereitet. Sie hatte die vergangenen Wochen zweimal pro Woche im Lauftreff trainiert, dabei manchen Tempolauf absolviert und zusätzlich am Wochenende noch lange Läufe gemacht. Jens war wie immer notorisch untrainiert und Bernhard baute auf seine vielen Läufe, war guter Dinge und sah dem Lauf gelassen entgegen. Aber manchmal kann man sich auch zu sicher sein!

Während wir uns in der Twistesee-Halle aufhielten, kam noch Elisabeth dazu. Sie war erst ein paar Tage zuvor aus dem Urlaub gekommen und wohl auch nicht gut trainiert. Allerdings hatte sie dieses Jahr bereits sechs Marathons und genauso viele Ultras gut hinter sich gebracht, dass sie wohl keine Probleme haben würde.

Der Veranstalter sprach ein paar launige Worte, ermahnte alle Läuferinnen und Läufer, sich doch ja nicht zu überanstrengen, hoffte, dass es keine Todesfälle wegen Überanstrengung gab, bat uns inständig, vernünftig zu laufen und versprach allen Teilnehmern, dass die letzten 12 Kilometer so leicht zu laufen seien, dass man da noch jede Menge Läuferinnen und Läufer überholen könne. Nach seinen Worten gab es keinen Marathon - weltweit? oder nur deutschlandweit? - der auf den letzten zwölf Kilometern leichter zu laufen sei, man dürfe nur nicht zu schnell anlaufen. Besonders die Läufer, die ihren ersten Marathon hier liefen, sollten sich zurückhalten und ja nicht zu schnell laufen, denn der Kurs habe es in sich und er möchte auf gar keinen Fall, dass die sich so überanstrengten, dass sie die Lust am Laufen verlieren.

Mit all seinen guten Wünschen und Hinweisen "bewaffnet" gingen wir die 300 Meter zum Start auf dem Staudamm des Twistesees, einem künstlich aufgestauten See für "Hochwasserschutz, Freizeit und Erholung". Etwa 740 Teilnehmer standen am Start und liefen pünktlich um 11.00 Uhr mit dem Startschuss los. Jens wie immer vornedraus, alle fehlende Vorbereitung und mangelndes Training vergessend, einiges dahinter Helene und ich und bereits nach wenigen hundert Metern gesellte sich dann Bernhard zu uns. Helene lief ganz zielstrebig vor mir und demonstrierte, dass sie heute "am Ball" bleiben wolle, also eine ordentliche Zeit laufen wolle.

Wir liefen im hinteren Bereich, noch etwa 80 Läufer hinter uns. Stop! Bernhards Schuhbändel war offen. Sein erster Versuch, mit Handschuhen an den Händen zu binden klappte nicht - wer hätte das gedacht ;-) - also Handschuhe ausziehen und ein neuer Versuch. Als wir endlich wieder loslaufen konnten, waren wir nicht nur Letzte, sondern auch noch hinter den "Besenwagen", zwei Fahrradfahrern. Wir legten etwas zu und hatten bald wieder vier, fünf Läuferinnen eingeholt, u.a. auch Elisabeth. Bernhard machte ein Schwätzchen mit ihr und ich setzte mich etwas ab und schaute nach Helene, die aber bereits weit enteilt war. Im Übrigen machte ich mir keinerlei Sorgen, da ich heute mal mit Bernhard laufen wollte und dessen Tempo müsste ich gut halten können. Bernhard läuft einen Marathon meist zwischen 4:30 h und 5 h und das würde ich auch noch schaffen, trotz Trainingsrückstandes.

Das Wetter war nicht besonders, etwa 6 Grad kalt, aber es regnete nicht. Trotzdem hatte ich vorsichtshalber meine GoreTex-Jacke an, eine Mütze auf und Handschuhe an. Vor allem die Handschuhe brauchte ich, in Erinnerung an den Zermatt Marathon und den 3-Länder Marathon dieses Jahr, wo ich beides Mal jämmerlich kalte Hände bekommen hatte. Diesmal wollte ich nicht mehr so an den Händen frieren. Anfänglich klappte das auch, aber die Umstände führten dann doch dazu, dass mir bei diesem Lauf nie ganz angenehm war und stellenweise fror ich sogar an den Händen. Dazu aber später mehr.

Einige Kilometer lief ich alleine und schaute den Läuferinnen und Läufern zu, die mich überholten, oder die von mir überholt wurden. Der Uferweg war nicht allzu breit und daher war das Feld auch noch ganz hinten einigermaßen dicht. Nachdem die Läuferschlange am Ende des Stausees angekommen war, ging es in den Wald, in dem wir dann die meiste Zeit liefen, immer wieder unterbrochen durch kürzere Streckenabschnitte über Felder und Wiesen, oder auch mal über eine Autostraße (stets gesichert). Die Strecke war schön, aber auch stellenweise anstrengend. Selten war der Untergrund leicht zu laufen, meist recht unregelmäßiger, gekiester oder geschotterter Wirtschaftsweg mit oft tiefen Furchen der Motorfahrzeuge der Holzwirtschaft und feucht und schmutzig vom nassen Wetter.

Ab Kilometer drei ging es zum ersten Mal etwas bergauf. Nach der ersten Serpentine sah ich Bernhard weit unter mir und rief ihm zu. Ich glaubte allerdings nicht, dass er mich an dieser Steigung noch einholen würde. Aber er hatte Elisabeth wohl hinter sich gelassen oben tatsächlich zu mir aufgeschlossen. Donnerwetter - wenn er sich da nur nicht übernommen hat? Wie immer fühlte er sich gut und ignorierte, dass noch viele Kilometer vor ihm lagen, ignorierte die Erfahrung, die er auf jedem seiner bereits 40 Marathons gemacht hatte, dass er nämlich die letzten 10 .. 15 Kilometer immer stark abbaute und seine ordentlichen Zeiten "ruiniert". Aber in dieser Hinsicht ist er beratungsresistent, läuft ausschließlich "aus dem Bauch" und ich will und kann ihm da nicht dreinreden.

Wir liefen Waldwege entlang und unterhielten uns über unser kommendes Abenteuer in der Sahara im April nächsten Jahres. Da gab es alle möglichen Strategien zu erörtern, die Ausrüstung wurde in Gedanken durchgegangen, überlegt, wie man die scheinbar obligatorischen Blasen an den Füßen vermeiden könne, wieviel Gepäck man wohl hatte, wie man das möglichst leicht machen könne - Bernhard plädierte für das Einsparen beim Essen, er hätte eh nie Hunger nach einem Lauf, ich war skeptisch und konnte mich nicht anfreunden mit dem Gedanken, sieben Tage in der Wüste zu hungern. Dann wieder spekulierten wir, wie lang diesmal wohl die lange Etappe sei, ob die Sand-Etappe in den Dünen am zweiten oder am Tag war oder gar während der langen Etappe. Während dieser Unterhalten kamen uns die Kilometer recht kurzweilig vor, das Streckenprofil war einfach und wir kamen gut voran - na, ja, wenn man eben langsam und gemütlich mit gut gleichsetzen darf, denn unser Kilometerschnitt war nicht berauschend, gerade mal 6:39 min/km auf den ersten fünf Kilometern - und wir wurden langsamer.

Der Veranstalter hatte in seiner Ansprache auch das Streckenprofil beschrieben, wir waren daher auf die etwa 900 Meter lange Steigung zwischen den Kilometern 9 und 10 vorbereitet. Im oberen Bereich joggten wir nicht mehr, sondern wechselten zum ersten Mal in das kräftesparende Gehen. Oben angekommen, war es nie ganz eben, sondern die Strecke war ab jetzt stets leicht profiliert. Das Feld war ausgedünnt, hinter uns lagen sicher noch 30 .. 40 Läufer, vor uns die große Menge und die nächsten 15 Kilometer liefen wir nun mit zwei Frauen und einem Pärchen. Ging es hoch, überholten uns die Vier, da Bernhard mit zunehmender Kilometerleistung bei jeder leichten Steigung ins Gehen überging, die Vier aber ein stets gleichmäßiges Tempo liefen. Ging es wieder bergab, legte Bernhard zu und wir überholten wieder.

An den Verpflegungsstellen gab es Wasser, Tee oder Isogetränk, alles angenehm angewärmt, der kalten Umgebung eben angepasst. Bernhard aber moserte, weil er angeblich keine warmen Getränke vertragen würde. Es blieb ihm aber nichts anderes übrig, er musste das lauwarme Zeug trinken. Murrend sucht er er an jeder Verpflegungsstelle, ob es nicht doch vielleicht mal kaltes Wasser geben würde, um dann das angewärmte Wasser zu trinken.

Unser Kilometerschnitt war schlechter geworden, von 6:39 min/km auf den ersten fünf Kilometern, auf etwas über 7 min/km die nächsten zehn Kilometer und zwischen Kilometer 15..20 waren wir mit 7:24 nochmals etwas schlechter. Bernhard war heute nicht in Form und überlegte ständig, an was das wohl lag? Die Flasche Rotwein am Donnerstag Abend? oder die drei Bier am Vorabend? oder die lauwarmen Getränke? oder die Strecke? Die konnte es aber nicht sein, denn beim Alb Marathon war es ihm doch sehr viel besser gegangen, da hatte er die fünfzig Kilometer mit Bravour in guter Verfassung hinter sich gebracht. Er kam auf keine Ursache und war daher mit sich unzufrieden. Ich selbst fühlte mich auch nicht in Form. Bereits nach 10..12 Kilometern machten sich meine Oberschenkel bemerkbar und immer wieder bezweifelte ich kurze Sekunden lang, ob ich den Lauf heute überstehen würde. Glücklicherweise hatte Bernhard keinerlei Ambitionen, schneller zu laufen und ich hatte somit ein Alibi, auch nicht schneller laufen zu müssen. In der Geschwindigkeit, die wir derzeit liefen, würde ich aber auf jeden Fall gut durchkommen.

Schon seit einigen Kilometern verspürte ich Hunger. Vor dem Start hatte ich in der Halle ein Schild gesehen, auf dem neben anderen Speisen auch Kartoffelsuppe angeboten war. Das ging mir nicht aus dem Kopf und ich hätte manches gegeben, wenn es unterwegs Kartoffelsuppe gegeben hätte. Leider war die Wahrscheinlichkeit aber recht gering ;-))), dass es die an den Verpflegungsstellen gab. Aber wenigstens Bananen hätte man doch anbieten können. Bis jetzt aber gab es nur Getränke. Nun gut, da musste ich eben hungern.

Während wir so dahin liefen, ich von Kartoffelsuppe träumte, rätselten wir, was denn wohl heute mit uns los sei. Die nächsten fünf Kilometer liefen wir mit 7:26 min/km so schlecht wie zuvor und bei Kilometer 29 sollte nochmals eine Steigung von 900 Meter Länge kommen! Das Wetter war immer noch wie zu Beginn und ich bemerkte schon lange, dass meine neue GoreTex-Jacke nicht hielt, was das Material versprach. Obwohl ich auf Grund der kalten, feuchten Witterungsbedingungen nicht arg schwitzte, bemerkte ich trotzdem, dass sich in den Ärmeln der Jacke das Wasser sammelte. Wenn ich dann mal die Arme nach unten hängen ließ, dann lief mir sofort das Wasser aus den Ärmeln in die Handschuhe, so dass die nass wurden, obwohl es nicht regnete. Eine nicht atmende Jacke, feuchter Oberkörper, nasse Handschuhe und immer noch etwa sechs Grad Kälte - wieder mal war mir temperaturmäßig nicht angenehm bei einem Lauf. Aber man lernt ja dazu und ich werde keine GoreTex-Jacke mehr anziehen, wenn es nicht unglaublich regnet.

Bernhard und ich wälzten immer noch Strategien für den Marathon des Sables, auch ermahnte ich ihn immer wieder mal, etwas schneller zu laufen, oder wenigstens nicht bei jedem minimalen Anstieg sofort zu gehen. Bernhard wiederum wunderte sich immer noch über seine schlechte Verfassung, ich wies ihn als Erklärung auf seine vielen Kilometer hin, die er dieses Jahr schon gelaufen sei, für die der Körper eben auch mal Tribut zollen musste, er erzählte mir von seinen Läufen und wie er die doch alle gut überstanden habe, ich beklagte mich, dass ich ständig Negativrekorde aufstellte beim Kilometerschnitt, dass dies wohl mein langsamster Marathon aller Zeiten sei, er murrte, dass er das überhaupt nicht hören könne und wolle - kurz, es lief nicht so, wie wir das gewohnt waren und das machte ihm zu schaffen. Dazu kam noch die lauwarmen Getränke, die, laut Bernhard, sicher mit Schuld seien, dass er sich heute gar nicht gut fühlte. Wenigstens gab es seit zwei Verpflegungsstellen kleine Bananenstückchen, so dass mein Hunger sich in Grenzen hielt und welche Wohltat - an der letzten Verpflegungsstelle hatte es tatsächlich kleine Kuchenstückchen gegeben :-))).

In der Zwischenzeit aber taten mir nicht nur die Oberschenkel weh, sondern auch noch alle möglichen anderen Körperteile. Das lag zweifellos mit daran, dass das langsame Tempo mich deutlich mehr anstrengte als ein möglicher flotterer Gang. Wir trotteten so langsam vor uns hin, da sahen wir in der Ferne Jens. Obwohl gerade die Strecke abwärts führte, ging er. Offensichtlich hatte er einen Tiefpunkt erreicht und war total erschöpft. Bernhard hatte schon von Anfang an vorausgesagt, dass wir ihn so ab Kilometer 25 einholen würden, denn Jens würde konsequent bei jedem Marathon viel zu schnell loslaufen und tatsächlich, jetzt bei Kilometer 28 überholten wir ihn. Er hatte nicht mehr genug Energie, um zu laufen. Obendrein hatte er auch noch eine Blase - kein Wunder, lief er doch den Marathon in beinahe neuen Schuhen. Er wunderte sich, dass er so kraftlos sei und meinte, dass er wohl zu schnell losgelaufen sei. Das würde er aber trotzdem nicht verstehen, wo er sich doch zu Beginn noch so gut gefühlt hatte. Tja - was sollte ich da sagen? Nach wenigen Minuten zogen wir in unserem bescheidenen Tempo doch tatsächlich an ihm vorbei und entfernten uns ganz langsam. Noch mindestens zwei Kilometer lang sahen wir ihn hinter uns.

Bernhard war immer noch nicht zu schnellerem Tempo zu bewegen. Er beklagte, dass heute sein Kreislauf nicht in Ordnung wäre. Meinen Vorschlag, den Rest der Strecke zusammen mit Jens zurückzulegen wies er aber entrüstet ab, soweit wollte er sich dann doch nicht gehen lassen, das wäre ja wohl ein frivoler Vorschlag von mir, wie ich auf so eine absurde Idee kommen würde, kurz - er fühlte sich zumindest noch so gut, dass er ausschließen konnte, dass er auf das Tempo von Jens reduzieren müsste.

Kilometer dreißig war erreicht, der letzte Anstieg lag hinter uns, ich hatte tatsächlich das Unmögliche geschafft und für die letzten fünf Kilometer 41 Minuten benötigt, nicht fassbare 8:14 min/km - wirklich deprimierend! Aber jetzt waren die letzten 12 Kilometer angebrochen, der Veranstalter hatte doch versprochen, dass man da nur noch überholen würde und das wollte ich wahr machen. Bernhard konnte ich nicht helfen, der musste selbst durch sein Tief und wenn ich bei ihm geblieben wäre, hätte das sicher nichts genützt - im Gegenteil. Ich verabschiedete mich also und legte ein etwas flotteres Tempo vor. War mein Puls bisher stets zwischen 118 .. 122 gelegen, stieg er sofort auf etwa 140. Ich fühlte mich nicht überanstrengt und lief in ordentlichem Tempo vor mich hin. Einen Läufer um den anderen überholte ich so auf den nächsten drei Kilometern.

An der nächsten Verpflegungsstelle blieb ich nur wenige Sekunden stehen, stürzte einen Becher Tee hinunter und als ich gerade loslaufen wollte wurde mir so schwindlig, dass ich mich anstützen musste, um nicht umzufallen. Für ein paar Sekunden war mein Kreislauf total zusammengebrochen - dann war ich wieder klar und lief sofort weiter. Was war jetzt das? Zu schnell angehalten und getrunken? Nach wenigen hundert Metern ging ich nach rechts in den dichten Nadelwald und sparte mir das so das nicht vorhandene Dixi Klo. Weiter ging es dann in flottem Tempo und bald passierte ich die 35-Kilometer-Marke. Trotz der verlorenen Minuten hatte ich die letzten fünf Kilometer mit 6:40 min/km doch wieder deutlich schneller zurückgelegt. Mir ging es gut, die Schmerzen, die mich beim langsamen Laufen überall geplagt hatten waren verschwunden, nur die Oberschenkel schmerzten immer noch, wurden jedoch nicht schwerer, und meine rechte Ferse begann stärker zu schmerzen.

Die letzten Kilometer waren tatsächlich, wie versprochen, recht leicht gewesen. Immer wieder mal längere Passagen bergab, stets nur so steil, dass man gut laufen konnte. Dann wieder eben und wirklich nicht mehr erwähnenswert hoch. Ich überholte nur noch. War ja wohl auch keine Kunst, wenn ein Läufer, der normalerweise den Marathon sicher um die vier Stunden laufen kann, nach so einem langsamen Beginn dann am Ende noch jede Menge fünf Stunden Läufer überholt. Trotzdem gab es mir natürlich Auftrieb. Meine Pulswerte stiegen - 143, 148, 153 - mein Kilometerschnitt lag jetzt beständig bei etwa 5:40. Mehr wollte ich nicht und mehr wäre heute aber auch kaum gegangen!

Vor mir sah ich jetzt den Läufer, der mir bereits ganz zu Beginn aufgefallen war. Den linken Arm bewegte er normal im Schrittrhythmus, in der rechten Hand aber trug er eine Plastiktüte, der Arm hing also einigermaßen bewegungslos nach unten. Musste doch ungemütlich sein, so zu laufen und den Arm nicht im Laufrythmus bewegen zu können? Lange rätselte ich, was er wohl in der Tüte hatte. Vielleicht hatte er den Arm gebrochen und nachdem der Gips ab war, konnte er den Arm nicht mehr richtig beugen? In der Tüte war also ein Gewicht, das den Arm nach unten zog und so das Ellbogengelenk streckte? Alle möglichen weiteren Theorien wälzte ich, bis ich ihn endlich eingeholt hatte. Die Lösung war ganz profan: eine Flasche mit Getränk war drin, er machte das immer so. Die Flasche ließ er sich an den Verpflegungsstationen auffüllen und hatte so unterwegs zu Trinken. Nein, einen Gürtel mit Trinkflasche wolle er nicht. Er habe sich jetzt schon so an diese Art gewöhnt. Nun gut, jeder muss wissen, was ihm gut tut.

Weiter rannte ich und überholte immer wieder mal einen Läufer oder eine Läuferin. Ob ich wohl noch Helene einholen konnte? Schon wieder sah ich einen Läufer vor mir, der mir bereits vor dem Rennen aufgefallen war. Einigermaßen stämmig, etwas Übergewicht und zwei Walking-Stöcke in den Händen, die er auch fleißig benutzte - allerdings ging er. Ich vermutete, dass er die Stöcke benutzte, weil er doch recht schwer war und damit seine Gelenke entlastete. Beim Passieren erkundigte ich mich, ob die Stöcke wirklich eine Entlastung seien? Auch diesmal hatte ich mich getäuscht - die Stöcke benützte er, damit auch der Oberkörper belastet würde, das würde die Fettverbrennung ankurbeln und sei besser als mein schnelles Rennen. Nun gut, auch ihn ließ ich nach seiner Fasson glücklich werden und ließ ihn hinter mir.

Wenige hundert Meter ging es durch einen kleinen Ort und bald würde ich wieder den Stausee erreichen. Ich hatte mein Tempo gehalten, der Puls lag bei 153, der Kilometerschnitt zwischen 5:20 und 5:40. Meine Handschuhe waren noch nässer als zuvor, die Hände einigermaßen klamm, warm war mir auch nicht und meine Ferse war auch nicht mehr ganz in Ordnung, aber ich konnte mein Tempo gut halten. Der See war erreicht und wieder ging es den Uferweg vom Anfan entlang, diesmal aber die andere Richtung. Kilometer 41 war erreicht und von weitem konnte man schon die Lautsprecher des Zielbereiches hören. Die letzten 1,2 Kilometer würde ich auch noch schaffen und legte noch etwas zu.

Mit erbärmlichen 4:52:53 Stunden erreichte ich das Ziel, so langsam war ich nicht mal bei meinem ersten Marathon und da war ich wirklich unglaublich langsam gewesen. Aber was wollte ich? Ich hatte den Lauf als Trainingslauf betrachtet und war immerhin die letzten 12 Kilometer einen 6er Schnitt gelaufen und die letzten Kilometer nochmals deutlich schneller.

Ich trank einen Becher warmen Tee und joggte dann ganz langsam die Strecke zurück um Bernhard abzuholen. Nachdem ich nicht mehr so schnell lief, bemerkte ich die Feuchtigkeit unter der Jacke als unangenehme Kälte und auch meine klatschnassen Handschuhe bemerkte ich jetzt immer unangenehmer. Nicht lange, dann kam mir schon Elisabeth entgegen. Offensichtlich hatte sie irgend wann Bernhard eingeholt. Sie machte noch einen guten Eindruck, fühlte sich auch so und lief zielstrebig Richtung Ziel. Tja - so geht es eben auch! Sich schon vor dem Start richtig einschätzen, dann das dazu passende Tempo angehen und das auch konsequent durchhalten. Dann fühlt man sich auch im Ziel noch gut. Ob das wohl Bernhard und Jens auch mal schaffen werden?

Weiter joggte ich die Strecke zurück, bis endlich Bernhard kam. War er schon nicht mit sich zufrieden, als ich ihn verließ, jetzt haderte er noch mehr mit sich und den Umständen. Seine Gehpausen waren immer länger geworden, sein Zustand hatte sich verschlechtert und die Ursachen wusste er immer noch nicht. Gemeinsam gingen wir dem Ziel entgegen. Wenige hundert Meter vor dem Ziel riss er sich aber zusammen und begann wieder zu joggen. Wenigstens anständig durchs Ziel laufen, war sein Motto. Mit 5:27:37 h wurde er gestoppt, 15 Minuten langsamer als Elisabeth.

Und wo war Helene? Die wartete schon geschlagene 40 Minuten in der Halle auf Bernhard, der den Autoschlüssel hatte und dort waren ihre trockenen Kleider. Da sieht man mal, was ein gutes Training bewirken kann!

Ich zog mir trockene Kleidung an und während die Beiden duschten, wartete ich im Ziel auf Jens, um ihm seine Kleidung aus dem Auto geben zu können. Tatsächlich kam er kaum 15 Minuten nach Bernhard. Seine Blase hatte ihn stark behindert. Dies und auch die fehlende Kondition hatten Schuld, dass er die letzten 15 Kilometer nahezu nur noch gehen konnte. Er war aber trotzdem noch guter Dinge.

Zu Essen gab es längst nichts mehr. Ich trank noch ein kleines Bier und machte mich dann auf die Rückfahrt. Am nächsten Tag war ein 10km-Nikolauslauf, an dem ich teilnehmen wollte und da durfte ich nicht zu spät ins Bett kommen

Zum Anfang

Letzte Änderung:
13. August 2009

Fragen und Anregungen:
webmaster@familie-ostertag.de