Am Samstag, 9. September 2000 war es soweit - ich lief meinen ersten Marathon. Ich hatte mir den ebm-Marathon in Künzelsau ausgesucht. Im Gegensatz zu den großen Stadtmarathons mit vielen tausend oder gar zehntausend Teilnehmern ein eher kleiner Marathon (100-200 Teilnehmer), aber laut Aussage verschiedener Bekannter und Freunde gut organisiert.
Start ist in Niedernhall. Von dort geht es nach Künzelsau (km 8), dort die erste Wende und den selben Weg zurück nach Niedernhall (km 16) und weiter über Weißbach (km 18) und Forchtenberg (km 21) bis Sindringen (km 29). Dort ist die zweite Wende und wieder zurück zum Ziel in Niedernhall. Diese Wendepunktstrecke ist recht flach. Beinahe die Hälfte geht neben der Kocher entlang. Höhenunterschied max. 40 Meter. Von der Strecke her also eine leichte Sache. Um 8.30 Uhr startete ein 10 km-Lauf, um 9.00 Uhr gingen die Rollis auf die 15 km-Strecke und um 9.10 wurde der Halbmarathon und der Marathon gestartet. Alle Rennen fanden auf der selben Strecke statt, je nach Länge eben abgekürzt.
Renate war auch dabei. Ich hatte sie vor über einem Jahr kennengelernt, als wir, zusammen mit ein paar Kollegen der PH, beim Ludwigsburger Stadtlauf für die PH starteten. Seither sind wir einige 10 km-Läufe und auch Halbmarathons zusammen gelaufen. Sie hat etwa meine Leistungsklasse, auch wenn ich bisher immer etwas vor ihr im Ziel war. Bei Ihr zeigt die Leistungkurve jedoch kontinuierlich nach ober, so daß es nur noch eine Sache der Zeit ist, bis ich hinter ihr laufe. Auch für sie war es der erste Marathon.
Hier ein erster Eindruck dessen, was ich so während des Laufes erlebt habe, welche Eindrücke ich gewonnen habe. Vielleicht gibt schon die Überschrift eine erste Ahnung dessen, wie es war.
Auf diese kurze Bilanz kann ich meine Erfahrung aus meinem ersten Marathon bringen. Halbmarathons war ich schon viele gelaufen, kein Problem für mich. Meist war ich da sogar bei der ersten Hälfte meiner Altersklasse (M50) im Ziel. Von der Strecke her war ein Marathon doppelt so lang - also sollte das auch kein Problem sein. Aber es kam anders!
Gegen 7.30 Uhr war ich in Niedernhall. Startunterlagen abholen, warmlaufen, aufs Klo gehen - alles war perfekt. Meine Frau Uta und meine Schwester Inge hatten mich begleitet und ich konnte Kleider, Trinkflasche und all das Zeug, von dem man nie weiß, wohin damit, wenn der Lauf losgeht, bei mir haben und den beiden kurz vor dem Start geben. Meine Lauffreundin Renate kam gegen 8 Uhr und Kollege Walter Schmid aus meiner Lehrerzeit an der Heusteigschule hatte ich auch schon gesehen.
Mit Renate hatte ich schon lange vereinbart, daß wir gemeinsam unseren ersten Marathon in Künzelsau laufen werden. Walter schloß sich spontan vor zwei Wochen an. Für ihn, der schon jede Menge Marathons gelaufen war, mehrere 100 km-Läufe hinter sich hat und auch schon mehrmals den Swiss Alpin Marathon überstanden hatte, war so ein Lauf nichts Besonderes. Für Renate und mich schon. Jeder Marathoneinsteiger hört von dem Einbruch, den man angeblich zwischen Kilometer 30 und 35 erlebt. Übertrieben wurde das als "die Begegnung mit dem Mann mit dem Hammer"! Beide hatten wir aber genügend trainiert, mehrere Läufe um die drei Stunden und länger und so fühlten wir uns der Sache gewachsen. Aber ganz genau konnte man es natürlich nicht wissen!
Renate war bereits am Tag zuvor nervös vor Anspannung, Vorfreude und Aufregung. Ich fühlte erst an diesem Morgen vor dem Start die Nervosität - aber das war ja gut, denn ohne Adrenalin soll es angeblich schlechter laufen.
Pünktlich 9.10 Uhr war der Start. Ich hatte mir vorgenommen, mit etwa 5:50 min pro Kilometer loszulaufen und auf den ersten 14 Kilometern einzuhalten. Renate wollte 6 Minuten laufen, also entschloß ich mich, eine Zeit lang bei ihr zu bleiben. Walter lief etwas schneller an und war dann ziemlich schnell außer Sichtweise.
Die ersten Kilometer liefen Renate und ich etwa meine angepeilte Zeit, so daß ich "im Plan" war. Wir unterhielten uns, schauten den Läufern zu, die um uns herum waren, freuten uns über das schöne Wetter, tauschten Erfahrungen aus den vielen Wochen Training aus und genossen, daß wir endlich unseren Traum erlebten, einen Marathon zu laufen. Kurz, wir fühlten uns rundum gut. Bei der ersten Verpflegungsstation (km 5 etwa) gab es ein Stück Banane und Wasser.
Langsam drückte mich meine Blase. Ich hatte vor dem Lauf noch ne Menge getrunken, war zweimal beim Pinkeln, trotzdem mußte ich schon wieder.
In Künzelsau (km 8) war die erste Wende: Verpflegungsstation und dann zurück das Ganze Richtung Niedernhall. Bei km 10 lag ich etwa 1 Minute hinter meinem Plan - nichts beunruhigendes. Die Blase drückte immer noch und mein rechtes Knie meldete sich ganz zaghaft. Das Knie war meine "Achillesferse". Schon bei den hohen Trainingsumfängen der letzten Wochen machte es immer wieder Ärger, vor allem nach den langen Läufen. Mit viel Dehnübungen konnte ich die Schmerzen immer wieder reduzieren und manchmal gar ganz wegbringen.
Bei Kilometer 11 sah ich endlich eine geeignete Stelle. Ich ließ Renate alleine und erleichterte mich. Kostete etwas über eine Minute! Aber ich war richtig energiegeladen, als ich wieder auf der Strecke war und gab "Gas". Nach kurzer Zeit (5er Schnitt) hatte ich Renate eingeholt. Da ich schon mehr als eine Minute unter der Soll-Zeit war, meldete ich mich bei ihr ab und lief mit 5:30 weiter. (So ein Unfug; wegen einer Minute, bei einem Lauf von voraussichtlich vier Stunden! Zu zweit läuft es sich einfach besser, vor allem, wenn man jemand neben sich hat, der die gleichen Eindrücke hat und mit dem man sie austauschen kann.)
Mir ging es gut, das Knie zwickte ein wenig aber ich genoß den Lauf. Bei km 16,1 war ich wieder im Startbereich in Niedernhall. Inge winkte und machte Ute auf mich aufmerksam, damit sie ein Bild von mir machte. Weiter ging es Richtung Sindringen, wo die zweite Wende bei km 29 war.
Schon länger beobachtete ich einen Läufer vor mir. Etwas älter als ich. Ziemlich gleichmäßig beim Laufen, etwa mein Tempo. Ich nahm mir vor, ihn zu überholen. Bei km 17 war es soweit. Ich fragte ihn, wie es ihm gehe und ein paar andere Belanglosigkeiten. Er gab zu erkennen, daß er schon Erfahrung mit Marathons habe und wir kamen ins Gespräch. Im Alter von 40 hatte er begonnen, Marathon zu laufen. Bräunlingen im Schwarzwald war seine Premiere. Es hatte ihm damals so viel Spaß gemacht, daß er beschloß weitere Marathons zu laufen. Irgendwann hat er sich dann vorgenommen, daß er mit 50 auch 50 Marathons gelaufen habe und dann sollte Schluß sein. Ersteres hat er erreicht, zweites nicht. "Mit 60 möchte ich 100 Marathons haben und dann ist Schluß", erzählte er weiter. Heute war sein 93. Lauf und er gab sich optimistisch, daß er sein Ziel erreichen könne. Also war er wohl 58 oder 59 Jahre alt.
Er lobte mich wegen meines gleichmäßigen Tempos und fragte nach meiner angepeilten Endzeit. "Vier Stunden oder besser", war meine Antwort. "Können Sie vergessen, das wird nichts mehr!" Ich fühlte mich gut, schaute auf die Uhr, war noch im Plan und dachte im Stillen: "Laß ihn reden." Er erzählte dann vom Vorjahr, wo er auch in Künzelsau gelaufen sei. Damals sei es noch wärmer gewesen als heute. Mir war es angenehm kühl, wir liefen im Schatten und ich fühlte mich rundum gut, bis auf mein Knie, das langsam stärker schmerzte.
Mein Mitläufer berichtete weiter, erzählte von der Strecke, die noch vor mir liegen würde, viel Sonne, kein Schatten und Steigungen. Er würde diesen Marathon nicht zu Ende laufen. Ihm sei es zu heiß. Bei km 21 wolle er umdrehen und dann wäre dann bis zum Ziel 28 Kilometer gelaufen. Ein schöner Trainingslauf für ihn. Letztes Jahr sei es schon so hart gewesen und er wäre nach 4:40 Stunden angekommen. Das wolle er dieses Jahr nicht mehr mitmachen. Die ganze Woche sei herrliches Marathonwetter gewesen ( also miserables Wetter). Als er dann vorgestern den Wetterbericht gehört habe, habe ihm schon übles geschwant.
Ich hielt das alles für übertrieben, fühlte mich wohl, bis auf das schmerzende Knie. Auf das Tempo hatte ich die letzten Kilometer nicht mehr geachtet. Mein Mitläufer hatte mich abgelenkt. Das Wetter war herrlich, die Sonne schien und trotzdem war die Temperatur gut zu ertragen. Wir liefen im schönsten Teil der Strecke, ein paar Meter rechts von uns die Kocher, die Straße prima beschattet durch Bäume. Was wollte der Mann nur?
Plötzlich kein Schatten mehr, wieder auf der Straße (kein Verkehr) und der erste bescheidene Anstieg war vor uns. Kein Problem. Wir liefen gleichmäßig weiter und unterhielten uns.
Bei Kilometer 21 war eine Verpflegungsstation. Die Hälfte hatten wir geschafft. Mein Mitläufer verabschiedete sichtatsächlich und drehte um. Ich konnte es nicht verstehen. So schönes angenehmes Wetter. Nichts von Hitze. Banane, Wasser und weiter ging es.
Ich fühlte ich mich also fit und sah den nächsten 21 Kilometern gespannt entgegen. Ohne mich zu verausgaben lief ich mein Tempo und war auch beim Puls stets im grünen Bereich. Insgesamt war die Strecke leicht, kaum Steigungen bisher und die 40 Meter Höhenunterschied die noch kamen schreckten mich nicht.
Weit vor mir war das Gros der Läufer, hinter mir nur noch wenige. Aber das störte mich nicht. Ich wollte mein Tempo laufen und das war eben langsamer als bei den Anderen.
Bei jeder Kilometermarkierung schaute ich auf die Uhr. Ich hatte eine Kilometerzeit von ca. 6 Minuten. Da hatte ich wohl etwas nachgelassen, bei km 16 lief ich noch 5:30 und die wollte ich doch bei Kilometer 28 - da beginnt das letzte Drittel - noch auf 5:20 steigern. Irgend was war nicht in Ordnung. Ich mußte mich beim Reden vertrödelt haben. Meine Zwischenzeit zur Hälfte (km 21) hatte noch gestimmt: 2:02:40 h. Wenn ich wie geplant steigern konnte, käme ich locker unter die 4 Stunden, die ich mir vorgenommen hatte.
Ich lief gleichmäßig weiter und kontrollierte bei jedem Kilometer die Zeit - es half nichts, ich war nur knapp unter 6 Minuten pro Kilometer. Mein rechtes Knie tat jetzt immer öfters unangenehm weh. Weiter ging es. Immer wieder kam eine kleine Station, an der eine Schüssel mit Wasser und Schwämmen darin war. Damit konnte man sich erfrischen. Mir war nicht warm, also verzichtete ich jedesmal.
Kilometerzeit 6:10. Irgendwie wirkten sich jetzt die gelaufenen 25 Kilometer aus. Ich hätte zwar schneller laufen können, aber "der Mann mit dem Hammer" schreckte mich. Lieber jetzt langsam und Reserven haben, damit ich ihm nicht begegnete Weiter ging es.
Wenn nur endlich die zweite Wende käme. Die ersten Läufer kamen mir entgegen, also konnte es nicht mehr so weit sein. Ich war nicht mehr alleine auf der Strecke, auch wenn diese Läufer bereits wieder zurück liefen. Ich fragte einen Entgegenkommenden nach der Entfernung zur Wende: "Noch drei Kilometer".
Vor mir tauchten einige Läufer auf, die langsamer waren als ich, obwohl ich nur noch einen Schnitt von 6:15 hatte. Die mußte ich einholen!
Bei den entgegen kommenden Läufern suchte ich Walter. Der lief weit vor mir und mußte auch schon die Wende passiert haben. Je später ich ihn jedoch sehen würde, desto dichter war ich ihm auf den Fersen, ihm dem erfahrenen Marathonläufer, der diese Strecke schon unter 3 Stunden gelaufen war. Heute war es für ihn ein Trainingslauf. Vor 8 Wochen hatte er den Swiss Alpin Marathon gemacht: 78 Kilometer und 1200 Höhenmeter. Danach hatte er nicht mehr trainiert und war in keiner guten Verfassung. Er betrachtete den heutigen Lauf mehr als Training, wollte, auch wie ich, um die 4 Stunden laufen.
Walter war nicht zu sehen.
Plötzlich hörte ich hinter mir Schritte. Sollte mich da tatsächlich jemand überholen wollen? Die letzten 14 Kilometer lief ich alleine, niemand vor mir, niemand hinter mir. Eine Frau, etwa 30 Jahre kam tatsächlich immer näher. "Willst du mich deprimieren?" fragte ich. Sie lachte und meinte, daß ich sie wohl irgendwann später wieder einholen würde und vorbei war sie. Unmöglicher Laufstiel. Selbst für eine Frau starke X-Beine. Die schlenkerte sie so unkontrolliert, daß klar war, daß sie so höchstens ein paar Kilometer weit kommen würde.
Noch ein, zwei Minuten schaute ich ihr fasziniert nach, dann war sie außer Sichtweite. Donnerwetter, die hatte noch Reserven! In der Tat war sie dann auch viele Minuten vor mir im Ziel.
Zwei Tage später bekam ich von Walter ein mail:
lieber eberhard,
leider habe ich dich nach dem lauf nicht mehr gesehen, aber von rainer gehoert, dass du gut(?) angekommen bist. glueckwunsch zu deinem erfolg! du hast vor lauter flirten gar nicht bemerkt, dass ich dir bei km 27/28 (du) bzw. 30/31 (ich) entgegengekommen bin und sogar versucht habe, dich anzusprechen. hast du zu diesem zeitpunkt marathon mit disco verwechselt??
dies fraegt dich und gruesst gleichzeitig ganz herzlich
walterDa hatte die Frau mich doch tatsächlich durch ihren Laufstil so abgelenkt, daß ich meinen Freund Walter übersehen habe.
Das Knie tat jetzt immer länger richtig weh um dann wieder etwas in den Hintergrund zu treten. Meine Füße schmerzten, der Ballen des rechten Fußes machte Ärger, die Oberschenkel spürte ich unangenehm. Kurz, alles in mir drängte nach einer Gehpause. "Wehret den Anfängen". Alte Läuferregel, also keine Erholung, keine Gehpause. Die ersten Läufer vor mir gingen bereits und beim Überholen hatte ich für jeden ein lockeres Wort.
ENDLICH - Die Wende! Kilometer 29. Verpflegungsstation. Banane, Apfelsaftschorle. Der Posten an der Wende versicherte mir auf mein Nachfragen, daß diese Wende nicht zurückverlegt wurde während des Laufes. Ich zweifelte, denn die vielen Läufer, die mir begegnet waren, konnten unmöglich bis hierher gelaufen sein ;-). Der Posten lachte und ich trabte weiter. Nach 20 Meter sah ich Renate. Mein ganzer Vorsprung war auf 50 Meter und die Minute, die sie jetzt an der Station verweilen würde, geschmolzen.
Es ging zurück. Immer wieder kamen mir Läufer entgegen, die gar nicht gut aussahen. Teilweise wie auf rohen Eiern kamen sie daher. Ein ganz junger, vielleicht 18 Jahre alt machte einen mitleiderregenden Eindruck. Seine Haltung, sein Lauf- Gehstil sah zum Erbarmen aus, sein Gesichtsausdruck zeigte die Strapazen. (Er kam mit 5:16 Stunden ins Ziel). Allen rief ich zu, daß es nur noch wenige Meter bis zur Wende seien.
Um Gottes Willen! Ich hatte auf die Uhr geschaut und gerechnet. Für die letzten 10 Kilometer hatte ich 1:20 h gebraucht. Die vier Stunden als Zielzeit konnte ich vergessen. Das Knie schmerzte, die Füße taten weh, die Schuhe hatten keinerlei Dämpfung mehr, die Oberschenkel waren unbrauchbar und ich hatte keine Energie mehr. Vor mir ein Läufer mit grünem Hemd. Er machte zum wiederholten Mal eine Gehpause. Ich war ihm in den letzten 5 Minuten immer näher gekommen und überholte ihn jetzt. Vier, fünf Läufer hatte ich bereits überholt. Aber langsam konnte auch ich nicht mehr und begann zu gehen. Aber ich achtete darauf, daß meine Gehpausen immer etwas kürzer waren als die der Läufer vor mir. Kilometer 30 lag weit hinter mir. Einer der Überholten, der mit dem grünen Hemd, kam auf und überholte jetzt mich. War mir egal, Hauptsache ich kam überhaupt noch ins Ziel. Zwei drei Kilometer lang wechselten wir uns ab. Mal war ich vorne, mal er. Auch für ihn war es der erste Marathon. Auch er wollte nur noch anständig ankommen.
Bei Kilometer 35 sah ich Ute und Inge am Wegesrand sitzen. Ute machte ein Bild. Ich blieb stehen und versicherte, daß es mir gut ginge, daß ich aber deutlich langsamer wäre, als geplant. Sonst aber sei alles in Ordnung, bis auf die schmerzenden Körperteile.
Morgens noch hatte ich Ute nach Traubenzucker gefragt. Wir hatten keinen. Die Beiden hatten welchen gekauft. Ich nahm ein Stück, lehnte aber ein zweites ab. Weiter ging es. Mir wurde etwas übel. Der Traubenzucker?
Gehen, laufen. Mein Schnitt lag bei ca. 7 Minuten. Ich merkte, daß ich an der Grenze lief. Etwas schneller, etwas weniger Gehpausen und mir würde schlecht werden. Ich wollte auf jeden Fall ankommen, also Gehpausen verlängern. Bei Kilometer 37 kam Renate aufgelaufen. Ich klagte ein wenig und wir liefen vielleicht 500 Meter gemeinsam. Dann mußte ich wieder gehen. Ich ermunterte sie, weiter zu laufen. Sie tröstete mich, daß auch sie am Limit liefe. Nach einer Minute war sie nicht mehr zu sehen.
Mir wurde schlecht. Gehpause verlängern. Damit ging es gerade noch. Schnitt mehr als 10 Minuten pro Kilometer. Was würde das für eine Zeit werden? Dieser Gedanke war mir völlig schnurz. Hauptsache ankommen. Mir wurde schlecht. Ob ich mich wohl übergeben sollte? Es ging vorbei und ich trabte weiter. Das Knie tat weh ohne Ende, die Füße schmerzten, die Oberschenkel gaben nichts mehr her und ich machte Schritte wie ein 100jähriger Mann.
Langsam kam Niedernhall in Sicht. Nur noch zwei Kilometer! Mir war schlecht, mein Darm rebellierte. Zum Glück hatte ich Klopapier bei mir. Nirgends ein passender Ort. Die ersten Häuser in Sicht. Vor mir kein Läufer, hinter mir keiner und da war ein Misthaufen bei einem Haus. Ich hinter den Haufen, meinen Teil zum Mist dazugesetzt. Zum Glück kam gerade niemand vorbei. Aber das wäre mir auch egal gewesen.
Weiter ging es. Es ging wieder besser, trotzdem wolle ich nur noch Gehen. Erst wenn ich im Ort war, so 400 Meter vor dem Ziel, wollte ich wieder rennen, irgend etwas ähnliches wie einen Endspurt hinlegen. Man mußte doch wenigstens beim Zieleinlauf eine gute Figur abgeben!
Und dann lag das Ziel vor mir. Ich begann zu laufen. Nur noch ein paar hundert Meter. Da bekam ich Krämpfe. Fünf Zentimeter lange, dünne Stiche durchzuckten meine Waden. Sofort wieder gehen. Wieder laufen. Jetzt verkrampfte es sich im Oberschenkel. Ich blieb stehen und dehnte mich etwas an einer Bank. Dann kam ich die letzten 200 Meter bis zum Ziel. Geschafft!
4 Stunden, 43 Minuten und 43 Sekunden. Über 40 Minuten langsamer als ich geplant hatte, mehr als 60 Minuten langsamer wie meine 10 Kilometer- und meine Halbmarathonzeiten erwarten ließen. Ich war nicht enttäuscht. Ich war zufrieden, daß ich es geschafft hatte. Was spielte die Zeit für eine Rolle.
Inge und Ute empfingen mich. Ich mußte mich hinlegen, sonst wäre mir schlecht geworden. Nach einiger Zeit tauchte Renate auf. Sie war über fünf Minuten vor mir angekommen.
Wir saßen noch etwas beinander und redeten. Rainer kam vorbei. Ein Freund von Walter, der den Halbmarathon gelaufen war. Er gratulierte mir, sprach mir Mut zu, daß es eine Leistung sei, einen Marathon überhaupt zu laufen und erst mal sei daher die Zeit nicht wichtig. Walter sei gut angekommen (knapp unter 4 Stunden).
Langsam ging es besser. Ich ging duschen. Danach war ich ein neuer Mensch. Gehen konnte ich immer noch nicht gut. Aber der Kreislauf war wieder ok.
Der Läufer im grünen Trikot, den ich überholt hatte (km 28), der mich wieder überholt hatte (km 33), der auch heute seinen ersten Marathon geschafft hatte, war im Duschbereich. Wir schwätzten ein wenig, lobten unsere Leistung beglückwünschten uns und verabschiedeten uns dann. Nächsten Sonntag wolle er in Karlsruhe den Marathon laufen und dann 4 Wochen Urlaub machen! Ich staunte!
Nachträglich muß ich denen recht geben, die meinen, beim ersten Mal ist "Durchkommen" das Ziel und nicht die gelaufene Zeit. Die vier Stunden in Zukunft zu unterschreiten ist kein Problem. Mit den gewonnenen Erfahrungen bin ich sicher, daß ich das nächste Mal deutlich an diese Grenze herankomme. Wichtiger aber ist mir, daß ich meine Knieprobleme in den Griff bekomme. Der Termin beim Orthopäden ist bereits ausgemacht. Ich tippe auf Überreizung von Bändern auf Grund von schlechten Schuhen. Hoffen wir, dass es das ist. Denn möchte auf jeden Fall noch weitere Marathons laufen.
. Aus den Kohlehydraten, die der Körper in Form von Glykogen in Muskeln und Leber eingelagert hat. Diese Vorräte reichen jedoch nur für etwa 90 Minuten Laufen aus (abhängig natürlich vom Tempo).
. Aus den Fettreserven, die für wenigstens 20 Marathons ausreichen würden.Dummerweise greift der Körper erst mal auf die Glykogenvorräte zu. Pro eingesetzter Sauerstoffmenge liefern Kohlenhydrate mehr Energie als Fette, ein Grund, warum der Körper bei höherer Leistungsanforderung auf Kohlehydratstoffwechsel angewiesen ist. Nur bei sehr langsamem Tempo wird Fett zur Energiegewinnung eingesetzt. Durch Training kann man dem Körper "beibringen", mehr Energie aus dem Fettstoffwechsel zu ziehen. Dazu müssen lange Läufe (2 Stunden und länger) in langsamem Tempo gemacht werden.
Damit ist alles klar. Hat der Läufer seinen Fettstoffwechsel nicht oder nur unzureichend trainiert, dann setzt er beim Marathon vorwiegend Kohlenhydrate zur Energiegewinnung ein und nur einen geringen Fettanteil. Irgendwann gehem ihm dann aber die begrenzten Kohlenhydratvorräte aus und der Körper muß vollständig auf Fettverbrennung umstellen. Die Fettverbrennung liefert jedoch deutlich weniger Energie pro eingesetzter Sauerstoffmenge: man wird langsamer, der Puls erhöht sich, die Atmung wird intensiver, die Leistung nimmt rapide ab. Es stellt sich das Gefühl ein: "Nichts geht mehr". Je nach Trainingszustand kommt diese Schwelle bei Kilometer 30 .. 35. (Sehr schön nachzulesen bei meinem Marathonbericht oben.)
Ein Marathontraining sollte also vorwiegend (ca. 80%) in langsamem Tempo absolviert werden. Dabei "lernt" der Körper, seinen Energiebedarf vorwiegend aus Fett zu decken. Dabei kann man sich an seinem Maximalpuls orientieren. Etwa im Bereich von 65 ... 70 % der maximalen Herzfrequenz sollte man mindestens 90 Minuten laufen, da mit zunehmender Belastungsdauer der relative Anteil der Fettverbrennung zunimmt. Als Vorbereitung auf einen Marathon sollte man etwa 5-7 lange Läufe (ca. 2,5 bis 3 h) gemacht haben.
Das Problem besteht darin, daß man nicht langsam genug läuft. Hält man den angegebenen Pulsbereich ein, hat man das Gefühl, zumindest solange man noch nicht gut trainiert ist, man würde schleichen und jede Oma könnte einen noch überholen. Auch widerspricht ein langsames Tempo unserer Erfahrung, daß man nur bei Leistung etwas erreichen kann. Fazit: man läuft im Training zu schnell, der Fettstoffwechsel wird nicht ausreichend trainiert, der Körper holt zuviel Energie aus seinen Glykogenvorräten.
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